
Der vergessene Völkermord: Hungerplan jährt sich zum 85. Mal

Im Frühjahr 1941 liefen im Deutschen Reich die Vorbereitungen zum "Unternehmen Barbarossa", dem Überfall auf die Sowjetunion, auf Hochtouren. Dies betraf auch die Planungen für den Genozid an der sowjetischen Bevölkerung. Ein zentrales Datum ist dabei der 2. Mai 1941. An diesem Tag formulierten hohe Wehrmachtsoffiziere und Staatssekretäre als ihr Vertreter Ministerien den sogenannten Hungerplan (nach dem federführenden Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft auch Backe-Plan genannt).
Die Nationalsozialisten scheuten sich nicht, die Planung ihres Verbrechens zu protokollieren . Ein Umstand, der es den Anklägern bei den Nürnberger Prozessen ermöglichte, das Dokument als Beweis für die verbrecherische Absicht eines Vernichtungskriegs vorzulegen. Die Besprechung im Mai 1941 postulierte zuvorderst:
"1.) Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird. 2.) Dabei werden mit Sicherheit zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird."

Eine Mordplanung, die sich in den folgenden Wochen in weiteren Richtlinien fortsetzte. Demnach sollten die NS-Behörden die landwirtschaftlichen Überschussgebiete der Sowjetunion zugunsten Deutschlands und der verbündeten oder besetzten europäischen Länder ausbeuten. Insbesondere die großen Städte im Norden der Sowjetunion wollten man dagegen abriegeln und die Bevölkerung verhungern lassen.
Nur die sowjetische Gegenwehr und letztendlich die Zurückdrängung der Wehrmacht durch die Rote Armee verhinderten, dass diese Pläne von Archangelsk bis Astrachan verwirklicht werden konnten. Dennoch kostete die Hungerstrategie von Wehrmacht und NS-Führung Millionen Sowjetbürgern, in der Nazi-Ideologie Wesen niederen Ranges, das Leben. Etwa in der belagerten Stadt Leningrad (über eine Million Tote) oder unter den gefangenen Rotarmisten (mehr als drei Millionen Tote).
Dem britischen Wirtschaftshistoriker Adam Tooze zufolge handelt es sich bei dem Hungerplan-Protokoll um ein absolut außergewöhnliches Dokument, dessen Sprache weitaus unverblümter ist als diejenige der entsprechenden Dokumente mit Bezug auf den Holocaust. Während jedoch etwa die Wannsee-Konferenz vom Januar 1942 jedem historisch gebildeten Deutschen etwas sagt, dürfte die Besprechung vom 2. Mai 1941 der deutschen Öffentlichkeit kaum bekannt sein. Wie auch generell die Verbrechen des Ostfeldzugs im deutschen Geschichtsbewusstsein nur eine geringe Rolle spielen.
Dem entspricht die offizielle Haltung der Bundesrepublik. Die Bundesregierungen mögen wechseln, die Haltung des Auswärtigen Amtes bleibt die gleiche: Die Blockade Leningrads etwa wird zwar als deutsches Kriegsverbrechen anerkannt, nicht jedoch als Völkermord. Zu humanitären Gesten (etwa ein Krankenhaus für Kriegsveteranen oder ein deutsch-russisches Begegnungszentrum) erklärt sich die deutsche Seite bereit, jedoch nicht zu Entschädigungen für die überlebenden Blockadeopfer. Eine Ausnahme machen die deutschen Behörden bei den jüdischen Einwohnern Leningrads. Ihnen stehen als Überlebenden der Verfolgung durch die Nazis Individualzahlungen zu. Ein Auseinanderdividieren von Opfergruppen, das das Außenministerium der Russischen Föderation immer wieder scharf kritisiert.
In Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion lebt die Erinnerung an den Genozid an den Sowjetbürgern fort. Seit diesem Jahr ist der 19. April ein Gedenktag, der den Opfern der völkermörderischen Pläne der Nationalsozialisten gewidmet ist . Und auch die russische Botschaft in Berlin gibt nicht auf: Nach Auskunft von Botschafter Sergei Netschajew hat Russland bereits mehrere offizielle Eingaben an die Bundesregierung und den Bundestag diesbezüglich eingebracht.
Bisher ohne Erfolg. Während der Bundestag sonst recht beflissen bei der Anerkennung von Völkermorden agiert, steht das Thema einer Anerkennung des deutschen Genozids an den Sowjetbürgern derzeit nicht auf der Debatte. Und bevor gesellschaftlicher Druck auf die bundesrepublikanische Politik entsteht, müsste die deutsche Öffentlichkeit erst einmal über das volle Ausmaß der damaligen Verbrechen im Bilde sein.
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